Kinder vor Missbrauch schützen – so machst du dein Kind stark

Es gibt unendlich viele Horrorszenarien, vor denen Eltern in Bezug auf ihre Kinder Angst haben. Und dennoch sind sich wohl alle einig, welcher der schlimmstmögliche Gedanke ist – nämlich, dass das eigene Kind sexuell missbraucht wird.

Um unsere Kinder zu schützen, würden wir Eltern so ziemlich alles tun. Viele fühlen sich bei diesem Thema jedoch hilflos und wissen nicht, wie sie Missbrauch vorbeugen können. Dabei können Eltern meist viel mehr tun, als sie denken – denn Prävention ist auch eine wichtige Erziehungsaufgabe.

Nein heißt Nein! | ©stock.adobe.com | motortion

Prävention beginnt schon im Babyalter

Die meisten denken nun sicherlich, dass das absurd sei. Aber tatsächlich wird schon im Alter von wenigen Monaten der erste wichtige Grundstein für das spätere Scham- und Körperempfinden gelegt, sowie – ganz wichtig – für die Selbstbestimmung des Kindes.

So sprach sich zum Beispiel schon vor vielen Jahren die bekannte Kinderärztin Emmi Pikler für ein selbstbestimmtes Wickeln aus. Sie ist der Meinung, dass Babys das Wickeln nicht einfach passiv über sich ergehen lassen müssen, sondern dass die Kinder aktiv mit eingebunden werden sollten. So wird beim Ausziehen beispielsweise jedes Kleidungsstück und Körperteil benannt, sodass das Kind immer genau weiß, was jetzt geschieht.

Kinder wickeln? Am besten nur im Einverständnis! | ©stock.adobe.com | Odua Images

Außerdem gehört dazu, das Kind vorm Wickeln nach dem Einverständnis zu fragen. Natürlich können Säuglinge auf diese Frage noch nicht antworten, aber nach einigen Monaten wird sich das Kind durch Mimik und Gestik seinen Eltern gegenüber verständlich machen können. Ein „Nein“ muss dabei unbedingt akzeptiert werden.

Natürlich bedeutet das nicht, dass man in so einem Fall die volle Windel einfach ungewechselt lässt. Das wäre unterlassene Fürsorgepflicht. Aber man kann dem Kind anbieten, es gleich noch einmal zu fragen, wenn es sein Spiel beendet hat. Oder es selbstbestimmt entscheiden zu lassen, ob es lieber von Mama oder Papa gewickelt werden möchte.

„Selbstverständlich wird ein Kind später nicht automatisch missbraucht, nur weil seine Eltern es als Baby gewickelt haben, obwohl es das nicht wollte. Aber ich möchte meinem Kind nicht vermitteln, dass es okay sei, es gegen seinen Willen (an den intimsten Stellen) anzufassen – auch nicht von Mama oder Papa.“

Mein Körper gehört mir

Die erste wichtige Lektion, die wir unseren Kindern also beibringen können, ist, dass ihr Körper ihnen gehört – und sie ganz allein darüber bestimmen dürfen. Das ist einfach gesagt und sicherlich stimmen die meisten Eltern an dieser Stelle ganz selbstverständlich zu. Aber wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, scheitern wir doch oftmals an der Umsetzung.

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Hier deshalb ein paar kleine Alltagsbeispiele, bei denen Kinder eigenverantwortlich über ihren Körper bestimmen sollten:

1. Hunger/Sättigungsgefühl

Wir Eltern meinen es natürlich nur gut. Dennoch sollten wir Sätze wie „Iss wenigsten noch fünf Nudeln, du kannst doch noch gar nicht satt sein!“ oder „Es gibt erst Nachtisch, wenn du aufgegessen hast.“ überdenken. Gerade Kinder haben Phasen, in denen sie mal kaum etwas essen und Phasen, in denen sie gefühlt nichts anderes tun. Uns Erwachsenen geht es doch genauso. Mal haben wir nach dem zweiten Nachschlag immer noch Hunger und ein anderes Mal einfach gar keinen Appetit. Dann wäre ich empört, wenn mein Mann mir vorschreiben würde, dass ich bitte noch drei Kartoffeln essen solle – weil ich doch unmöglich schon satt sein kann.

2. Kleidung

Ich behaupte, dass alle Eltern eines Kleinkindes den Streit über die richtige Kleiderwahl kennen. Zweijährige sind oft besonders eigensinnig, was das Anziehen betrifft. So wie meine Tochter zum Beispiel. Im Frühling – ich empfand es noch als frisch und zog mir eine Strickjacke über – wollte sie morgens auf dem Weg zum Kindergarten partout keine Jacke überziehen. Und natürlich habe mich dabei erwischt, wie ich „Es ist aber doch kalt, zieh bitte eine Jacke an!“ zu ihr sagte.

Dann ist mir aufgefallen, dass ihr Papa früh morgens das Haus ebenfalls ohne Jacke verlässt. Hätte ich ihm auch gesagt, dass er bitte eine Jacke anziehen möge? Natürlich nicht, denn er kann sicher selbst einschätzen, ob ihm warm oder kalt ist. Aber selbstverständlich sind auch Kinder dazu in der Lage und sollten dies auch dürfen. Meine Aufgabe als Elternteil ist es nur, eine Jacke für unterwegs einzupacken – für den Fall, dass ihnen doch kalt wird.

Mein Körper, meine Entscheidung – auch beim Haareschneiden | ©stock.adobe.com | ronstik

3. Haare

Viele Kinder kreischen wie am Spieß, sobald sie eine Schere sehen und wollen sich ihre Haare partout nicht schneiden lassen. Aber auch darüber bestimmen Eltern nur zu gern. Dann wird das Haareschneiden mit Sätzen wie „Es sind doch bloß Haare!“ oder „Stell dich nicht so an, das tut doch gar nicht weh!“ abgetan. Dass das falsch ist, erschließt sich sicherlich spätestens beim Lesen des letzten Satzes. Wir wollen doch, dass sich unsere Kinder gegen eventuelle Täter auflehnen, oder? Und genau solche Sätze sollen sie sich später einmal nicht gefallen lassen. Statt sie also zu unterdrücken, sollten wir sie in ihrer Meinung bestärken. Ihr Körper, ihre Entscheidung.

4. Küssen

Ein weiteres Beispiel, das wir wohl alle noch aus unserer Kindheit kennen. „Gib doch der Oma mal einen Kuss!“ oder „Gib Onkel Heinz wenigstens die Hand – das ist sonst unhöflich.“ Ich wette, wir alle haben diesen Satz so oder so ähnlich in unserer Kindheit gehört und viele wissen sicherlich auch noch genau, wie unangenehm sich das anfühlte. Weil es nämlich unser Körper ist – und wir zu Recht über ihn bestimmen möchten. Dazu zählt eben auch, dass man nicht überredet werden will, die Tante zu küssen.

„Wir Eltern sollten unseren Kindern mit Respekt begegnen, ihre Gefühle und Grenzen achten und sie in ihren Entscheidungen ermutigen, anstatt ihnen dafür ein schlechtes Gewissen zu machen. Unsere Kinder sollten wissen, dass sie niemand anfassen darf und sie auch ebenso niemanden anfassen müssen, wenn sie das nicht möchten.“

Nein heißt Nein!

„Wer dich wann berühren darf, entscheidest du allein! Wenn’s mal nicht reicht das Nein, dann solltest du ganz laut schrein!“ Dies ist ein Zitat aus einem Theater-Präventionsprojekt für Grundschulkinder – geschrieben vom gemeinnützigen Verein Power-Child. Die Botschaft des Satzes mag einfach klingen, aber tatsächlich ist es für Kinder alles andere als einfach, Nein zu sagen.

Nein heißt Nein! | ©stock.adobe.com | mizina

An dieser Stelle möchte ich ein Erlebnis schildern, dass ich neulich auf einem Spielplatz beobachtet habe. Auf dem Gelände gab es einen Rutschenturm mit mehreren unterschiedlich hohen Rutschen. Ein Papa rutschte vergnügt gemeinsam mit seinem Sohn. Erst die kleinste Rutsche, dann die nächsthöhere usw. Beide hatten offensichtlich Spaß. Die höchste Rutsche war eine Röhrenrutsche. Schon auf den letzten Treppenstufen begann der Junge plötzlich zu weinen und schrie immer wieder „Nein, Nein!“ Ob ihm die Rutsche zu hoch war oder er Angst vor der Röhre hatte, konnte er (aufgrund seines Alters) noch nicht verständlich sagen. Der Vater versuchte ihn eine ganze Weile zum Rutschen zu überreden. Dass sie doch jetzt schon hochgeklettert wären und dass das doch Spaß mache. Hinter ihnen bildete sich allmählich eine Schlange, was dem Vater sichtlich unangenehm war. Mit den Worten „Los, du wirst schon sehen, dass das Spaß macht!“ schnappte er sich schließlich seinen – immer noch schreienden – Sohn und rutsche mit ihm herunter.

Solche oder so ähnliche Situationen (wie zum Beispiel auch Erwachsene, die nicht aufhören ein Kind zu kitzeln, obwohl es mehrfach Stopp gerufen hat) habe ich schon unzählige Male erlebt. Eltern, die aus den verschiedensten Gründen ein Nein ihrer Kinder übergehen – sei es aus einer noch so positiven Intention heraus. Das, was ein Kind aus einer solchen – meist banalen – Situation mitnimmt, ist, dass ihr Nein keinen Wert hat. Und dass eine erwachsene Person im Zweifel eben auch mit körperlichen Mitteln den Willen eines Kindes brechen kann.

„Ich frage mich, woher Kinder wissen sollen, dass ihr Nein wichtig ist und gehört wird, wenn selbst ihre engsten Vertrauen ihre Grenzen oftmals übergehen. Wenn also selbst die Eltern ein Nein nicht akzeptieren, warum sollten es dann Fremde tun?“

Kinder richtig aufklären

Eine weitere wichtige Maßnahme zur Missbrauchsprävention ist die richtige Aufklärung – am besten schon im Kindergartenalter. Gerade bei Kindern, die ein kleines Geschwisterchen bekommen, bietet sich eine erste Aufklärung an. Ganz unbedarft und voller Neugier stellen sie Fragen rund um das Thema Schwangerschaft und Geburt und wie das Baby denn eigentlich in Mamas Bauch gekommen ist. Wir Eltern sollten das Interesse dazu niemals peinlich berührt abwürgen, sondern die Chance direkt zum Aufklären nutzen.

Besonders gut eignen sich dazu Bücher, die das Thema kindgerecht aufgreifen und erklären. Ein paar Aufklärungsklassiker für Kinder im Kita-Alter findet ihr hier:

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Bloß keine falsche Scham

Sexualität ist etwas Intimes und für viele Menschen auch mit Scham behaftet. Selbst als erwachsene Menschen fällt es uns manchmal schwer, darüber zu sprechen – weil wir es selbst in unserer Kindheit nicht anders gelernt haben. Wir Eltern stammeln bei ersten Fragen unserer Kinder rum und sind peinlich berührt. Doch genau dieses Verhalten führt dazu, dass dem Kind subtil vermittelt wird, Sexualität sei ein Tabuthema, über das man nicht spricht. Im Ernstfall denkt es womöglich, dass es auch selbst lieber darüber schweigen sollte oder spricht aus Peinlichkeit nicht darüber.

Worte wie „Pullermann“ und „Mumu“ – um bloß nicht Penis oder Scheide auszusprechen – sollten wir deshalb aus unserem Wortschatz verbannen. Es ist wichtig, die Geschlechtsteile ganz normal zu benennen. Je unverkrampfter der Umgang, desto selbstverständlicher werden unsere Kinder mit uns darüber reden können – etwa, wenn jemand anderes eine persönliche Grenze übertritt oder sich etwas nicht richtig anfühlt.

Was tun im Ernstfall?

Zunächst einmal sollte man wissen, dass Kinder, die ihren Eltern davon erzählen, sexuell missbraucht worden zu sein, in der Regel nicht lügen. Da fast alle Missbrauchsfälle im familiären Umfeld passieren, neigen Eltern jedoch nicht selten dazu, das Erzählte in Frage zu stellen. Das sollte man jedoch niemals tun! Es ist zwingend notwendig, seinem Kind in einem solchen Fall unbedingt zu glauben und es in allen seinen Gefühlen ernst zu nehmen. Für Kinder ist es eine riesengroße Überwindung, den Eltern von einem Missbrauch zu erzählen und ein ebenso großer Vertrauensbruch, sowie eine doppelte Bloßstellung ist es, wenn die eigenen Eltern einem in einer solchen Situation nicht vertrauen.

  • Das Kind ernst nehmen und ihm glauben. Kinder erfinden Missbrauch nicht von sich aus. Die wenigsten trauen sich überhaupt, davon zu erzählen.
  • Bei einer Vermutung oder einem Verdacht unbedingt professionelle Unterstützung holen.
  • Strafanzeige erstatten.

Beratungsstellen

Betroffene sexueller Gewalt und deren Angehörige finden Hilfe bei Beratungsstellen – eine Liste mit Adressen von Einrichtungen in ganz Deutschland findet man hier.

Hilfetelefon

Alternativ besteht die Möglichkeit, sich kostenfrei und anonym an das Hilfetelefon des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in fachlicher Verantwortung von N.I.N.A. e.V. unter der Telefonnummer 0800 22 55 530 zu wenden. (Sprechzeiten: montags, mittwochs und freitags von 9 bis 14 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 15 bis 20 Uhr)

Wichtige Links

https://www.hilfeportal-missbrauch.de/hilfen-fuer/angehoerige-und-soziales-umfeld.html

https://nina-info.de/